In dieser Welt kommt man derzeit öfters ins straucheln. Ich würde jetzt gerne schreiben «ich» komme ins straucheln, aber ich kenne einige Menschen die sich die folgende Frage auch zunehmend stellen: «Zahlt es sich in der heutigen Zeit noch aus ein «guter» Mensch sein zu wollen?
(Spoiler Alert: JA)
Immer öfters komme auch ich in Situationen oder werde mit Situationen konfrontiert, in denen man das Gefühl bekommt, das man es nicht weit bringt, wenn man höflich und respektvoll ist (und es auch von anderen Menschen erwartet).
Natürlich bin auch ich kein «Heiliger» und habe «meine Tage», aber dennoch würde ich mich als jemanden einschätzen, der – trotz oder gerade wegen seiner progressiven Seite – die wichtigsten Regeln eines Zusammenlebens mit anderen Menschen akzeptiert und umzusetzen versucht.
Ich sage immer noch «Bitte» und «Danke», wasche wann ich eingetragen bin (hihi, das ist ein Beispiel aus dem Alltag das sicher einige kennen die eine Waschküche teilen) und würde mich im Grossen und Ganzen als umgänglich einschätzen, selbst wenn auch ich einen Schritt zurück mache und auf Distanz gehe, wenn mir diese – von mir als selbstverständlich empfundenen – Verhaltensweisen nicht entgegengebracht werden.
Doch immer öfter stehe ich an.
Ich beobachte den unmenschlichen und egoistischen Umgang von Firmen (auch und ganz besonders den Grossen) mit ihren Angestellten. Ich begegne Menschen, die auf Freundlichkeit mit Zynismus und manchmal fast Aggression reagieren, oder die so «abgelöscht» sind das ihnen jegliche Empathie abhandengekommen ist. Und selbst wenn ich es in den meisten Fällen schaffe mit kontinuierlichem «dranbleiben» ein paar Wälle aufzuweichen (Resonanz), so werden die Momente immer zahlreicher in denen ich tief durchatmen muss und mich nachher frage, ob ich nicht besser auch so unterwegs sein sollte oder ob ich nicht besser «auf den Tisch gehauen hätte» weil ein respektvoller Umgang nicht immer Resonanz findet und sich andere nicht mal die Mühe machen, sich zu verändern.
Und nein, das sind nicht unbedingt «die Jüngeren», sondern auch Menschen meiner Generation und darüber oder knapp darunter, die nicht unbedingt leuchtende Beispiele darstellen.
Erfolg haben viele erst dann, wenn sie ihre Werte mit jenen der Konsumgesellschaft und ihrer Mechanismen ersetzen und den «Tanz mit dem Teufel» mittanzen. Und wer mag es ihnen verdenken?
Gutmensch als Schimpfwort
Irgendwie spiegelt sich das ja im Zeitgeist wieder. Denn das Wort «Gutmensch», eigentlich nix anderes als «Guter Mensch» ist inzwischen für viele zu einem Schimpfwort verkommen, mit dem man sich über jene in der Gesellschaft lustig macht oder sie herablassend runtermacht, die sich für die Würde des Menschen, die Heiligkeit der Natur und ein menschliches Miteinander stark machen. Und das sind doch eigentlich genau jene Werte die für einen normalen Menschen mit gesundem Menschenverstand auch «normal» sein sollten.
Inzwischen begegne ich sogar vereinzelt Menschen, die diese Werte einst vertraten, die nun aber mit seltsamen Ausreden beginnen genau diese Werte mit Füssen zu treten oder aber zu kritisieren. Oder noch irritierender: die es gar nicht bemerkt haben wie sehr sie sich einfangen liessen.
Und ich verstehe es. Irgendwie.
Denn es macht mit der Zeit müde gegen den Strom zu schwimmen. Und damit meine ich nicht das kalkulierte «gegen den Strom» schwimmen, das ja auch durchaus «hip» sein kann und ist, wie auch ein Blick in gewisse Szenen bestätigen wird. So habe ich die Erfahrung gemacht das – zumindest im deutschsprachigen Raum – manche hinter ihrem alternativen, hippen Auftreten konservativ und gelegentlich sogar durch und durch rassistisch und intolerant sein können. Sie nach aussen aber den «Hippie» geben, solange eine Situation sie nicht persönlich involviert oder die eigene Bequemlichkeit (auch jene im denken) herausfordert. Das allerdings ist ein Trend, der so neu nicht ist und der mich schon in meiner Zeit in der Gastronomie irritierte.
Nicht perfekt
Ich betone noch einmal: ich will damit nicht sagen das ich perfekt bin. Auch ich muss mich Tag für Tag damit auseinandersetzen. Reflektieren wie ich mich verhalte, realisieren wenn ich mal Fehler machte und das nächste Mal achtsam sein, damit es nicht wieder passiert. Auch mit mir geht manchmal die Wut durch und als emotionaler Mensch muss ich sogar ganz besonders auf meine Wellengänge achtgeben. Aber ich kann mit gutem Gewissen behaupten, das ich dran bin und bleibe. Und ja, doch immer wieder Fortschritte mache. Mein während der Initiation geleisteter Schwur bindet mich auch, positiv, daran mich zu akzeptieren, mir Fehler zu verzeihen, aus ihnen zu lernen und weiter vorwärts zu schauen.
Und da in dieser Welt so viele Coaching- und Spirit Bücher die Bestseller Listen erklimmen und jeder irgendetwas praktiziert, oder neuerdings auch lehrt, das ihn oder die Welt «besser» machen soll, frage ich mich warum es dennoch immer mehr Wut, Zorn, Respektlosigkeit, Intoleranz und manchmal geradewegs «Dummheit» (oder Bequemlichkeit) in dieser Welt zu geben scheint und eben jene Erfolg haben, die sich das zunutze machen oder es gar Verinnerlichen.
Und jetzt kommts
Ich stellte mir die Frage ob es sich heutzutage noch auszahlt danach zu streben ein «besserer» bzw. «guter» Mensch zu sein. Und es ist mir bewusst das die Definition/Wahrnehmung dieser Werte durchaus eine Individuelle ist.
Und da antworte ich – trotz aller gelegentlichen Zweifel – mit einem dicken «JA»
Denn am Ende muss man die Konsequenzen tragen. Ich bin völlig überzeugt von einem göttlichen Teil in jedem von uns der durchaus weiss das man nichts Gutes tut, wenn man es tut.
Der weiss bzw. spürt das man nur zu bequem ist um gewisse Muster zu überdenken und/oder Selbstverantwortung zu übernehmen.
Der weiss das es nichts Schönes ist, wenn man andere verletzt oder ausnimmt.
Der weiss, dass das zugefügte Leid am Tier (Tierhaltung), an der Umwelt (Umweltbewusstsein), am Menschen (Miteinander) nicht richtig ist.
Der weiss, dass alles das man macht, oder auch nicht, Konsequenzen hat, selbst wenn einem diese oft nicht wirklich auffallen, weil man dann oft andere dafür verantwortlich macht, wenn sie einen ereilen und so weiter im Kreis dreht.
Hier ist das «Gesetz der Drei» der modernen Hexenbewegung durchaus anwendbar. Es kommt retour! Oft subtil, manchmal hammerhart! Und auch im Kollektiv (wir erleben durch den Menschen verstärkten Umwälzungen ja auch gerade durch die rasanten Klimaveränderungen)
Und dann würde nur reflektieren helfen. Umdenken. Bewusst Sein. Erfahren.
Verändern.
Eben: Verantwortung übernehmen.
Nur darum zu wissen (und wir wissen heute viel) ändert nichts. Aus Wissen wird nur Weisheit wenn man die Erfahrungen die man macht dann auch anwendet. Deshalb bringt unsere westliche Zivilisation heute zwar eine Gesellschaft vieler Wissender zu Tage, aber nur weniger Weiser.
Ins Stolpern kommen
Und gleichwohl komme auch ich manchmal, und in letzter Zeit öfter als mir lieb ist, ins straucheln und hinterfrage mich, meinen Weg, meine Philosophie, meine Sichtweise der Welt. Und damit oft auch meinen Versuch dieser destruktiven Gesellschaft weiterhin offen gegenüber zu treten und nicht auch zu einem «Arsch» zu werden. Weil recht machen kann man es so oder so niemandem. Bist Du nett, wirst Du verarscht und es gibt Leute, die Dich nicht mögen. Bist Du es nicht, steht es Deinem Erfolg auch nicht unbedingt im Weg und es gibt Leute, die Dich nicht mögen. Warum also nicht den einfacheren Weg wählen?
Ist doch egal. Hinter mir die Sintflut. Mittanzen mit dem Zeitgeist und den Leuten geben was sie wollen und nicht was sie brauchen. Ist ja auch kurzfristig – in diesem individuellen Leben – lukrativer, wie man zunehmend sieht? Auch wenn dabei die Menschlichkeit und die Umwelt zugrunde gehen. Alle Macht dem Jet Set, alle Macht der Schickeria-Wohlfühl-Spiritualität.
Denn wer weiss? Vielleicht bin ja wirklich ich das «Weichei»? Zu kurzsichtig? Verleugne die kollektive Realität, weil ich meiner eigenen den Vorzug gebe? Wenn alles einen Sinn hat, dann auch der derzeitige Zeitgeist?
Sicher sogar, kosmisch gesehen.
Aber das heisst nicht, dass ich Teil davon sein muss!
Im Hier und Jetzt
Wir haben als Menschheit ein wunderbares Potential und die Zukunft liegt nicht in Kurzsichtigkeit! Egal ob wir uns selbst in den Abgrund jagen, ein Meteorit die Menschheit vom Erdboden tilgt oder irgendeine andere Katastrophe unsere Spezies vom Erdboden fegt oder dezimiert: ich lebe im Hier und Jetzt. Ich muss mir hier, jetzt und heute in den Spiegel schauen können. Und auch wenn ich dann einmal endgültig die Welten wechsle, so möchte ich dies mit dem bestmöglichen Gewissen tun. Meine Götter selbst urteilen sowieso nicht über mich.
Sollte die Menschheit die Balance wieder hinbekommen, dann mag ich Teil der konstruktiven Elemente gewesen sein, nicht der destruktiven. Selbst wenn ich es selbst nicht mehr miterleben sollte. Und dazu gehört es eben auch die Balance zu halten und zwischen Licht und Schatten zu tanzen, mir Licht und Schatten bewusst zu sein aber am Ende zu wissen wofür ich mich nach bestem Wissen und Gewissen einsetzte.
Dazu muss ich aber auch selbst weiter lernen meine eigenen Schatten konstruktiver einzusetzen, mit meinen Ängsten zu tanzen und mir ihrer bewusst bleiben ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren. Und das ist eine Herausforderung. Für jemanden der mit Depressionen gross wurde, sowieso (darüber schreibe ich ein anderes Mal).
Also ja: das Fazit ist und bleibt für mich das es richtig ist danach zu streben ein «besserer» Mensch zu werden. Freundlich zu bleiben, auch mal weniger freundlich, aber ohne dabei bewusst Schaden anzurichten. Und wenn es doch mal passiert danach zu streben daraus zu lernen und diesen Schaden zu korrigieren wo geht oder mir zu verzeihen.
Bin ja schliesslich auch Mensch, egal zwischen welchen Welten ich tanze.
Ja, es ist mir lieber als «Gutmensch» zu gelten, aber wenigstens als einer der seine eigenen Abgründe nicht verleugnet, sondern sich ihrer bewusst bleibt und der die Schatten nicht verdrängt. Und immer weiss, dass auch er selber diesem Prinzip unterworfen ist.
Es ist verdammt leicht der stärkeren Strömung nachzugeben. Und manchmal verführerisch. Sehr sogar. Einfacher. Aber es ist nicht der Weg des Herzens, und ich spreche nicht nur von meinem. Für mich wäre es irgendwie eine andere Art des Leidens.
Und eben: das ist im Wicca kein Wert.
Fortsetzung folgt